Leistungsgeschehen in Krankenhäusern während der Covid-19-Pandemie

 Ergebnisse der Untersuchung mit 310 IQM Mitgliedskrankenhäusern

COVID-19-Leistungsgeschehen bei 310 IQM Mitgliedskrankenhäusern

Die Herausforderungen an das Gesundheitssystem und die IQM Mitgliedskrankenhäuser während der Covid-19-Pandemie sind enorm. Das Erkennen der Erkrankung und die rasche fachgerechte Versorgung der Patienten muss einerseits gesichert sein, andererseits soll die Versorgung medizinischer Notfälle und Patienten mit anderen relevanten Erkrankungen nicht beeinträchtigt werden.

Während des Shutdown vom 13.03. bis 19.04.2020 zeigten sich Hinweise darauf, dass nicht allein wie gewünscht die Anzahl der elektiven Eingriffe und Behandlungen stationärer Patienten, sondern auch die Anzahl der versorgten Notfälle in den Krankenhäusern rückläufig war. Um diese Frage zu klären, hat sich der Wissenschaftliche Beirat IQM mit dem IQM Vorstand darauf verständigt, den IQM Mitgliedskrankenhäusern unmittelbar nach dem Ende des Shutdowns eine Analyse des Leistungsgeschehen ihrer Krankenhäuser anzubieten. Die aggregierten Ergebnisse der Analyse sind als Kurznachricht im Deutschen Ärzteblatt unter dem Titel „Effekte von COVID-19-Pandemie und Lockdown auf die Versorgung von Krankenhauspatienten“ veröffentlicht.

Zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt

Für die Analyse bei IQM wurden die Abrechnungsdaten der Krankenhäuser (§21 KHEntgG), die routinemäßig im Rahmen der IQM Methodik zur Berechnung der Qualitätsindikatoren G-IQI (German Inpatient Quality Indicators) verwendet werden, auf freiwilliger Basis ausgewertet. 310 von 502 Mitgliedskrankenhäusern konnten sich kurzfristig an dieser Analyse beteiligen. Aus technischen Gründen konnten zunächst nur die deutschen Mitgliedskrankenhäuser berücksichtigt werden. Insgesamt wurden 1.283.190 stationäre Patienten berücksichtigt, die vom 01.01.–19.04.2020 in den beteiligten 12 Universitätskliniken (158.2828), 50 freigemeinnützigen Krankenhäusern (165.458), 103 öffentlich-rechtlichen (460.201) und 145 privaten Krankenhäusern (499.249) versorgt wurden. Anhand dieser Analyse über alle Versorgungsstufen hinweg wurde das Ausmaß der COVID-19-Pandemie analysiert.

Von den im 1. Tertial 2020 1,28 Mio. stationär versorgten Patienten wurden in den an der Analyse beteiligten Krankenhäusern 16.614 COVID-19-Patienten behandelt. Bei 5.837 Patienten gelang der Nachweis des SARS-COV2-Virus bei Aufnahme, bei 10.777 Patienten bestand der klinische Verdacht auf eine COVID-19-Infektion ohne Virusnachweis. Möglicherweise war die Handhabung der COVID-19-Kodierung zum frühen Zeitpunkt der Analyse noch uneinheitlich. Eine Prüfung muss hier vor Ableitung verlässlicher Aussagen aus Routinedaten folgen. Die Sterblichkeit der COVID-19 positiven Fälle lag bei ca. 20%. Die Altersverteilung der verstorbenen COVID-19-Patienten zeigte wie erwartet eine Häufung ab einem Alter über 65 Jahre. Rund 20% der COVID-19-Patienten wurden auf der Intensivstation behandelt, die Sterblichkeit dieser Patienten lag bei 38%. Die Sterblichkeitsrate für beatmete Patienten betrug 47%. 

Um das übrige Leistungsgeschehen in den Krankenhäusern beurteilen zu können, wurden die für die IQM Ergebnisberechnung zu Grunde liegenden G-IQI Indikatoren für die teilnehmenden Krankenhäuser ermittelt und jeweils die Fallzahlen pro Indikator (Nenner) herangezogen. In der Zeit vor dem Beginn der Pandemie und dem erlassenen Shutdown vom 01.01. bis 12.03. war die Zahl der behandelten Patienten im Jahr 2020 mit 985.491 vergleichbar mit dem Vorjahreszeitraum 2019 von 990.153 Patienten. In der Phase des Shutdown vom 13.03.–19.04.2020 lagen die Fallzahlen mit 294.622 bei nur 57% des Vorjahres. Die Abnahme der Patientenzahlen hat sich in fast allen Leistungsbereichen der Krankenhäuser gezeigt. In den Fachabteilungen mit planbaren Operationen war dies intendiert und wird hier exemplarisch für die Hüft- und Knie-Endoprothesen-Erstimplantation gezeigt. Verglichen mit dem Vorjahr 2019 wurden während des Shutdown 78% weniger Hüft-Endoprothesen-Implantationen und 83% weniger Knie-Endoprothesen-Erstimplantationen durchgeführt.

Gleichzeitig war zu beobachten, dass zeitkritische Versorgungen der Onkologie, aber auch Notfallbehandlungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich rückläufig waren. So wurden vor dem Shutdown vom 01.01.-12.03.2020 in den teilnehmenden Krankenhäusern 11.956 Patienten mit der Hauptdiagnose Herzinfarkt versorgt, was annähernd dem Vorjahreszeitraum 2019 (12.468 Patienten) entspricht. Während des Shutdown vom 13.03.-19.04.2020 wurden 34% weniger Patienten mit der Hauptdiagnose Herzinfarkt behandelt. Eine ähnliche Verteilung findet sich für die Versorgung der Schlaganfallpatienten. Während die Anzahl der Patienten mit Hauptdiagnose Schlaganfall im Zeitraum vor dem Shutdown nahezu identisch zum Vorjahr 2019 war, wurden während des Shutdown nur 72% der Patienten mit Hauptdiagnose Schlaganfall stationär behandelt.   

Bei der Betrachtung der Fallzahlen von Patienten, die länger als 24 Stunden beatmet werden mussten, zeigt sich im Vergleich des Zeitraumes 01.01.-12.03. der Jahre 2019 und 2020 eine ähnliche Fallzahl mit ca. 14.000 Patienten. Während des Shutdown 2020 ging die Zahl der Patienten mit Beatmung über 24 Std. um ca. 36% zurück. Dies steht ohne Frage auch im Zusammenhang mit planbaren, aber nicht durchgeführten, großen operativen Eingriffen und dem Rückgang der Notfallpatienten. Auch kann es Aufgabe der weiteren Versorgungsforschung sein, Umfang der Beatmungsindikation sowie den Rückgang der Leistung zu interpretieren.

Die vorliegende Betrachtung der 310 IQM Mitgliedskrankenhäuser kann sicherlich nicht auf die Versorgungssituation aller deutschen Krankenhäuser übertragen werden. Die Analyse der Abrechnungsdaten aller Krankenhäuser Deutschlands wäre hierzu erforderlich und im Rahmen einer freiwilligen Untersuchung kaum zu erreichen. Mittels der Analyse von Routinedaten lassen sich jedoch sehr zeitnah Mengengerüste abbilden und das Leistungsgeschehen beobachten. Daher haben sich der Wissenschaftliche Beirat IQM und der IQM Vorstand darauf verständigt, den Mitgliedern eine Follow-up-Analyse des Leistungsgeschehens anzubieten.

Im Rahmen der Halbjahresauswertung der IQM Gruppenauswertung haben alle Mitglieder die Möglichkeit, sich ohne den zusätzlichen Aufwand einer erneuten Datenlieferung an dieser Follow-up-Analyse zu beteiligen. Bei diesen folgenden Analysen können auch die BfS-Datensätze der Schweizer Mitgliedsspitäler berücksichtigt werden. Neben der erneuten Auswertung der Zeiträume vor und während des Shutdown ist insbesondere der Zeitraum des Wiederhochfahrens des Leistungsgeschehens in den Krankenhäusern zwischen 19.04. und 30.06.2020 von Interesse. Die Teilnahme an der Analyse ist für alle Mitglieder selbstverständlich freiwillig. Jedes teilnehmende Krankenhaus erhält seine eigenen ermittelten Kennzahlen sowie Gruppenwerte über alle Teilnehmer, Versorgungsstufen oder Trägergruppen zum Vergleich zurückgespiegelt. Anonymisierte Gesamtergebnisse werden vom Wissenschaftlichen Beirat mit Unterstützung des Kooperationspartners 3M HIS analysiert.